Charles-Marie Widor

Allegro cantabile aus der Orgel-Sinfonie Nr. 5 f-Moll op. 42 Nr. 1

Bearbeitung für Flöte und Orgel von Heinz-Peter Kortmann

Verlag/Label: Edition Dohr 16491
erschienen in: organ 2017/04 , Seite 60

Der zweite Satz aus Charles-Marie Widors wohl meist­ge­spiel­ter Orgelsin­fonie besticht durch seine so wun­der­voll elegisch dahin­fließende, leicht melan­cholis­che Melodie. Deshalb ist es eine vorzügliche Idee von Heinz-Peter Kort­mann, dieser Kom­po­si­tion mit ein­er Bear­beitung eine weit­ere inter­es­sante Auf­führungsvari­ante zu erschließen. Das tat übri­gens bere­its Widor selb­st, als er 1904, genau 25 Jahre nach dem Entste­hen dieser Fün­ften Orgelsin­fonie, von jen­em Satz eine etwas verän­derte Klavierver­sion mit dem Titel Con­te d’Automne pub­lizierte.
Kort­mann hält sich bei sein­er Aus­gabe im Noten­text kor­rekt an Widors Vor­lage unter Beibehal­tung der orig­i­nalen Tonart, indem er den Noten­text, die Reg­istri­erangaben, die Artiku­la­tion­sze­ichen, die Met­ronomzahlen und die dynamis­chen Beze­ich­nun­gen ohne Verän­derun­gen übern­immt. Lediglich die Solo­kantilene übertrug er größ­ten­teils der Flöte und beließ sie nur par­tiell bei der Orgel, um damit sehr wirkungsvolle Dialoge mit dem Soloin­stru­ment zu ermöglichen, wobei die Flöten­stimme zum Teil um eine Oktave nach oben transponiert wurde. Dadurch ent­flocht er außer­dem den teil­weise von Widor auf vier Sys­te­men notierten, etwas wider­spen­sti­gen Orgel­satz und erre­ichte damit gle­ichzeit­ig eine wesentlich kom­fort­ablere Spiel­barkeit des Orgel­parts.
Für den Mit­tel­teil in Des-Dur bietet Kort­mann ad libi­tum eine zusät­zliche Wieder­hol­ung an. Außer­dem fügte er in die Reprise des A-Teils eine im Orig­i­nal nicht vorhan­dene Wieder­hol­ung der Tak­te 31 bis 126 ein, jedoch gekennze­ich­net mit dem „Vi-de“ Vorschlag zur eventuellen Kürzung dieser Pas­sage. Mit diesem Ein­schub erhält das gesamte Stück eine recht respek­table Länge von knapp 400 Tak­ten.
Die Entschei­dung des Her­aus­ge­bers, die solis­tisch geführte Melodie dieses Satzes der Quer­flöte zu über­tra­gen, obwohl sie Widor dem Orgel­reg­is­ter Haut­bois anver­traute, mag sich im ersten Moment als frag­würdig erweisen, doch bei genauer­er Betra­ch­tung als sehr gelun­gen, da sich das spez­i­fis­che Klangspek­trum der Flöte ein­er­seits sehr gut in die von Widor ver­langte Konzep­tion der Flûtes ein­fügt und ander­er­seits bei der im Mit­tel­teil eben­falls vom Kom­pon­is­ten geforderten Reg­istrierung mit der schweben­den Voix céleste recht aparte Kon­traste set­zt.
Ein sehr knapp gefasstes Vor­wort mit Angaben zur Entste­hung der Orgelsin­fonie und der Konzep­tion dieses Satzes kom­plet­tiert diese ansprechend-über­sichtliche Edi­tion im Köl­ner Ver­lag Dohr.

Felix Friedrich