A Festival of English Organ Music, Volume 1

Werke von Hollins, Thalben-Ball, Villiers Stanford, Whitlock, Best, Lemare, Elgar

Verlag/Label: Dabringhaus und Grimm, MDG 316 1836-2 (2013)
erschienen in: organ 2014/02 , Seite 54

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„Orgel­musik aus Eng­land? Aber ja!“, so die Inter­net-Anpreisung von A Fes­ti­val of Eng­lish Organ Music. Aber: Ben van Oost­en und englis­che Orgel­musik – passt das? Bis­lang zumin­d­est brachte man den Namen des inter­na­tion­al renom­mierten Kün­stlers aus den Nieder­lan­den fast auss­chließlich mit der Orgelkul­tur Frankre­ichs und sein­er direk­ten musikalis­chen Nach­barn in Verbindung. Van Oost­ens aus­ladende Widor-Biografie und zahllose Ein­spielun­gen des sym­phonischen Reper­toires an authen­tis­chen Instru­menten der Grande Nation haben da zweifel­sohne hohe Maßstäbe gesetzt.
Doch da sich schon seit einiger Zeit der organ­is­tis­che Fokus über den Kanal gen Bri­tan­nien richtet, scheint es nun auch für deutsche Orgel-CD-Labels höch­ste Zeit, mit namhaften Organ­is­ten und Mikro­fo­nen im Gepäck ein Land zu erobern, das den meis­ten von uns bis­lang nur in ein­er pauschal­isieren­den Begrif­flichkeit ver­traut zu sein scheint. Gerne wird da vorschnell der Begriff „vik­to­ri­an­isch“ als Syn­onym für repräsen­ta­tive wie gefäl­lig-wohlk­lin­gende Musik ver­wandt, selb­st wenn die gemein­ten Werke erst Jahrzehnte nach dem Ende dieser von 1837 bis 1901 währen­den Ära ent­standen sind. Das ret­ro­spek­tive Ver­har­ren in ver­meintlich gold­e­nen Zeit­epochen hat im Vere­inigten Kön­i­gre­ich Tra­di­tion und ist für einen Kon­ti­nen­taleu­ropäer oft nur schw­er­lich auszumachen.
Doch genug der Mäkeleien! Van Oost­en präsen­tiert uns hier in sein­er bewährt bril­lanten Spielkul­tur einen geschickt gewählten Quer­schnitt britis­ch­er Orgel­musik, der dem anglophilen Orgel­lieb­haber zwar nichts Neues zu Gehör bringt, dem „Neul­ing“ aber mit über­aus gefäl­liger und gut hör­bar­er, ja ger­adezu süf­figer Musik einen ide­alen Ein­stieg in
eine faszinierende Klang­welt bieten kann. Über­haupt ist der Großteil der insu­laren Schöp­fun­gen charak­ter­isiert durch melodis­chen Erfind­ungsre­ich­tum, orches­tral-klangsinnlich­es Gespür und eine auf Erhaben­heit zie­lende Wirkung. Allen Stück­en gemein ist darüber hin­aus, dass sie nicht das Resul­tat kom­pos­i­torisch­er „Kopfge­burten“, son­dern aus der konkreten Erfahrung mit dem Instru­ment und seinen Möglichkeit­en ent­standen sind.
Hier bleibt der Inter­pret der Musik denn auch nichts schuldig, weiß beson­ders mit faszinieren­den Klangfarben(mischungen) und schwel­gerischem Ges­tus den Hör­er für seine Dar­bi­etun­gen zu gewin­nen. Hollins’ Con­cert Ouver­ture geht er kraftvoll zupack­end, mit fast schon stür­mis­chem Verve an. In Elgars großar­tiger G‑Dur-Sonate und Stan­fords Fan­ta­sia and Toc­ca­ta, zwei Klas­sik­ern schlechthin, beein­druckt van Oos­ten durch kul­tivierte Vir­tu­osität und sicheres For­mge­fühl. Thal­ben-Balls inzwis­chen über­aus pop­uläre Ele­gy und Elgars Nim­rod-Vari­a­tion spielt er ohne über­zo­gen schwel­gerisches Sen­ti­ment, dafür aber mit architek­tonisch ganz auf große räum­liche Wirkung zie­len­dem Stil­ge­fühl. Neben Whit­locks leicht­füßig-grazil musiziertem Diver­ti­men­to fällt einzig Lemares Ron­do Capric­cio – A Study in Accents etwas ab, da ger­ade die Akzen­tu­ierung zu akademisch steif ger­at­en scheint.
Was aber wäre eine solche CD ohne das entsprechende Instru­ment? Mit der von „Father“ Hen­ry Willis 1876/77 erbaut­en Orgel der Sal­is­bury Cathe­dral ste­ht van Oos­ten ein wahrhaft erlesenes, ja traumhaft sonores Instru­ment zur Ver­fü­gung, dessen im Quer­haus eben­erdig posi­tion­iert­er Dou­ble Open Dia­pa­son 32’ mit seinen beein­druck­end rol­len­den Bässen nachger­ade leg­endär ist. Aber auch das vielfach zum Ein­satz kom­mende Corno-di-Bas­set­to, seit 1934 in Clar­i­onet umbe­nan­nt, ist eine typ­is­che Willis-Spezial­ität und sucht seinesgleichen.
Erwäh­nt sei schließlich, dass die Auf­nahme ein über­aus authen­tis­ches Klang­bild der Orge­lan­lage im Raum wiedergibt.

Wolf­gang Valerius