Lücker, Martin

9/11 in memoriam / Romantische Welten / Große Orgelmusik

3 CDs

Verlag/Label: querstand VKJK 1130 / 1131 / 1132 (2011)
erschienen in: organ 2011/04 , Seite 50

Bew­er­tung: 4 Pfeifen

Gle­ich vor­weg: Die span­nend­ste CD dieser quer­stand-Trilo­gie mit dem Frank­furter Kathari­nenor­gan­is­ten ist wohl die erste, 9/11 in memo­ri­am, die sich dem The­ma der Ter­ro­ran­schläge in den USA am 11. Sep­tem­ber vor zehn Jahren wid­met. Mau­rice Duru­flés elegisch-düsteres „Prélude“ aus der Suite op. 5 liefert einen passenden Ein­stieg in diese The­matik. Die zeit­genös­sis­chen Textver­to­nun­gen von Max­i­m­il­ian Schnaus (sehr plas­tisch und hoch­emotional) über Texte aus den Klageliedern des Propheten Jere­mia und die etwas exper­i­mentellere Musik Frank Ger­hardts über Pas­sagen aus dem Buch Exo­dus bilden einen span­nungsre­ichen Kon­trast zu Bear­beitun­gen aus Bachs Leipziger Chorä­len und dem durch seinen jähen Abbruch wie ein physis­ch­er Schock wirk­enden unvol­len­de­ten, let­zten „Con­tra­punc­tus“ (Quadru­pelfuge) aus der Kun­st der Fuge von Johann Sebas­t­ian Bach. Eben­so sin­n­fäl­lig das „Weinen, Kla­gen, Sor­gen, Zagen“ von Liszt, das mit seinem abschließen­den, Hoff­nung ver­heißen­den Choral „Was Gott tut, das ist wohlge­tan“ den Hör­er nicht in Trauer und Schmerz zurück­lässt.
Roman­tis­che Wel­ten begin­nt mit den nicht zu unter­schätzen­den Tonstü­cken von Nils Gade, denen man die schu­man­neske Nähe zur deutschen Tra­di­tion dur­chaus anmerkt, gefol­gt von den reifen Trois Pièces von César Franck, inter­pretiert mit strin­gen­tem Impe­tus. Eine Reper­toire-Rar­ität bietet auch die Sonate von Josef Labor, einem Lehrer Schön­bergs, der zwar kon­ven­tionell bis kon­ser­v­a­tiv und im alten For­menkanon kom­poniert, dies aber stets abso­lut gekon­nt! Lück­ers Inter­pre­ta­tion von Regers großer Wachet auf-Fan­tasie lässt sich tre­f­fend kaum anders als „furios“ beze­ich­nen.
Große Orgel­musik schließlich stellt das organ­is­tis­che Spätwerk der Trois Chorals (1890) von Franck der ers­ten Sonate von Paul Hin­demith und der c-moll-Pas­sacaglia (mit Fuge) von Johann Sebas­t­ian Bach gegenüber. Lück­er hält sich nicht immer streng an die Reg­is­tra­tionsangaben der „Édi­tion orig­i­nale“, was freilich nur Puris­ten erschreck­en mag (schließlich spielt er auch keine Cavail­lé-Coll-Orgel, son­dern ein respek­ta­bles dreiman­u­aliges Instru­ment der Fir­ma Rieger). Bachs mon­u­men­tales Vari­a­tio­nen­werk inter­pretiert er mit man­nig­falti­gen Re­gis­terwechseln und „päd­a­gogis­ch­er“ Her­vorhe­bung einzel­ner Stim­mver­läufe. Ob der in der Mitte ste­hende, sich­er orig­inell und gekon­nt gemachte, manch­mal vielle­icht auch etwas „spröde“ Hin­demith zwis­chen den bei­den Orgel­gi­gan­ten nicht ein wenig erdrückt wird, man am Ende jed­er Hör­er für sich entschei­den …
Die Book­let-Texte der CDs sind kurz, aber infor­ma­tiv, das Klang­bild ist sehr trans­par­ent und luzide. Die Rieger-Orgel bietet – trotz der vie­len unter­schiedlichen stilis­tis­chen Anforderun­gen, die das Pro­gramm an sie stellt –, ohne den etwas prob­lematischen Begriff der „Universal­orgel“ bemühen zu wollen, selb­st in der res­o­nan­zar­men Akustik des nicht über­mäßig großen Kirchen­raums ein run­des, überzeu­gen­des Bild.
Chris­t­ian von Blohn