50 Jahre Österreichisches Orgelforum 1975–2025

Verlag/Label: Bezug: Österreichisches Orgelforum, info@orgelforum.at
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2026/03 , Seite 62

Wer mittags um 12 Uhr am Hohen Markt in Wien die sogenannte „Anker-Uhr“ bestaunt, kann schwerlich ahnen, dass es sich dabei um ein historisierendes Kunstwerk von 1915 handelt und dass die altertümliche Orgelmusik aus nicht ganz so fernen Zeiten vom Tonträger kommt. Dennoch verkörpert auch die Letztere ein regelrechtes Clu­s­ter österreichischer Orgelmusik-Geschichte: Es handelt sich um Aufnahmen des früheren Hochschullehrers Hans Haselböck an der Hradetzky-Orgel von 1968 in der Wiener Ursula-Kirche, an der nicht nur er hunderte von Studierenden unterrichtete.
Anstatt auf eine zeitliche Eingrenzung durch das fünfzigjährige Jubiläum des Österreichischen Orgelforums, auf kaum überzeugend herstellbaren räumlichen oder personenbezogenen Proporz zu setzen, stellten die Verantwortlichen hier gezielt historische und schwer zugängliche Aufnahmen erlesener bis skurriler Werke zusammen. Dabei sind nicht nur altehrwürdige Instrumente wie die große Freundt-Orgel (1642) von Klosterneuburg mit Michael Radulescu (Orgel und Gesang!) zu hören, sondern auch Orgeln in mittlerweile verändertem Zustand. Da viele der Interpretinnen und Interpretinnen inzwischen verstorben sind, ergibt sich eine zusätzliche historische Dimension. Viele weitere interessante Bezüge zwischen Musikern, Werken und Instrumenten verrät der wie immer lesenwerte Text von Peter Planyavsky im Booklet.
Diese ungemein originelle Kompilation aus Live-Mitschnitten und Tonträger-Produktionen vermittelt außerdem einen weiteren Aspekt des Begriffs „bunt“: Da die Hörfolge weder chronologisch noch nach stilistischen Gesichtspunkten angeordnet ist, wird man akustisch innerhalb weniger Minuten quer durch die Jahrhunderte, musikalischen Genres und Orgeltypen gewirbelt. So schließt sich etwa an Frescobaldis Capriccio XI Justin Heinrich Knechts flötenuhrartige Symphonie Concertante III an, bevor Peter Plan­yavsky und Herbert Tachezzi zur launigen Duo-Improvisation an der großen Rieger-Orgel (1913) des Wiener Konzerthauses ansetzen. Eine gewisse Kleinteiligkeit liegt in der Natur der Sache, schafft aber dafür Abwechslung bis hin zur Unterhaltsamkeit. Bunt bedeutet hier auch, dass neben wohlabgemischten Farben, anspruchsvoller bis schwer verständlicher Spätromantik (Franz Schmidt) auch bizarre Töne und heitere Gesten vorkommen dürfen. Darauf muss und darf man sich gerne einlassen. Es lohnt sich, dieses Panakustikum jüngerer, gleichwohl großer Orgel-Geschichte mehrmals anzuhören; Hintersinn und Witz erschließen sich sukzessive. Besonders junge Menschen können hier gebündelt verschiedene Interpretations- und Intonationsstile in kurzweiligen Kostproben verfolgen.
Kurzum: Diese Produktion ist ein vorzügliches Geburtstagsgeschenk einer überaus verdienten Institution: Herzlichen Glückwunsch, liebe Kolleginnen und Kollegen im Österreichischen Orgelforum – und auf weitere 50 musikalisch bunte Jahre!

Markus Zimmermann

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