Domenico Cimarosa

21 Sonatas

Andrea Chezzi an der Orgel von Andrea Boschini (vor 1755) und Giovanni Cavalletti (1814) der St. Maria Annunciata Sanctuary Beata Vergine dello Spino (Italien)

Verlag/Label: Brilliant Classics 95781 (2019)
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2020/01 , Seite 61

Bew­er­tung: 4 von 5 Pfeifen

21 Sonat­en in Dur und Moll, die einen schnell, die anderen langsam, die bei­den aus­gedehn­testen ger­ade ein­mal vier Minuten „lang“, einge­spielt auf einem ein­man­u­ali­gen Instru­ment mit 45 Tas­ten und einem 18 Töne umfassenden Ped­al mit 16’-Contrabasso, dies alles auch noch aus der Fed­er eines einzi­gen Kom­po­nisten: Weck­en diese auf den ersten Blick doch eher beschei­de­nen Fak­ten wirk­lich Inter­esse, frei­willig ein­er CD mit über sechzig Minuten Spiel­d­auer zuzuhören, ohne die Sorge zu hegen, es kön­nte lang­weilig wer­den?
Das funk­tion­iert! Weil im Falle dieser CD alle rel­e­van­ten Para­me­ter glück­lich ineinan­der­spie­len. Da ist zunächst der Kom­pon­ist: Domeni­co Cimarosa (1749–1801), als Mae­stro der Oper berühmt gewor­den und gewe­sen. Er war aber auch erfol­gre­ich als Cem­bal­ist, darüber hin­aus Zeit seines Lebens der Orgel ver­bun­den. Mit seinen Sonat­en liefert Cimarosa äußerst char­mante, ein­fall­sre­iche kleine Kabi­nettstücke, chang­ierend zwis­chen sprühen­der Vital­ität und rühren­der Melan­cholie. Musik also, der man gerne zuhört.
Para­me­ter Num­mer zwei: die Orgel aus der Werk­statt des Andrea Bos­chi­ni, irgend­wann in den Jahren vor 1755 für das kleine Örtchen Brugne­to die Reg­gi­o­lo (in der nordi­tal­ienis­chen Prov­inz Reg­gio Emil­ia) erbaut, 1814 von Gio­van­ni Cav­al­let­ti noch ein­mal über­ar­beit­et. Klein, aber fein – und vor erst zwei Jahren ganz offen­bar auch fein restau­ri­ert von Sil­vio Miche­li.
Der dritte Fak­tor schließlich: Andrea Chezzi, der Organ­ist, der den Mut hat­te, ein der­art kleintei­liges Pro­gramm auf den 60-Minuten-Sil­ber­ling zu ban­nen. Schnell-langsam-schnell, mal laut, mal leise. Doch Chezzis Cimarosa-Präsen­­ta­tion macht Spaß. Denn der Inter­pret (unter anderem Schüler von Ste­fano Inno­cen­ti und Bob van Asperen) erweist sich nicht nur als wie­selflink über die Tas­ten wirbel­nder Vir­tu­ose. Er ord­net Cimarosas Sonat­en so raf­finiert, dass aus ihnen kleine Suit­en entste­hen, die sich jew­eils zu einem dra­matur­gisch sin­nvollen Ganzen run­den. Und er ent­lockt der zauber­haften Mini-Orgel eine über­raschend reiche Palette an schillern­den Far­ben, darunter die typ­isch ital­ienis­che Voce umana sowie sin­gende Prinzi­pale, die auch im 2’-Bereich und höher nie auf­dringlich „klin­geln“. Die Schleifen­teilung ges­tat­tet in der A-Dur-Sonate eine munter gurgel­nde Zun­gen­stimme im Bass, zu der sich eine Cor­net-Mis­chung im Diskant hinzuge­sellt. Wun­der­schön auch eine solis­tisch einge­set­zte 4’-Flöte, die pas­torale Stim­mung aufkom­men lässt. Großen Ein­druck macht schließlich auch das von Andrea Chezzi wohldosiert einge­set­zte Effekt-Reg­is­ter namens Rol­lante: Da mis­cht sich ein beachtlich­er Trom­mel­wirbel hinein ins musikalis­che Geschehen, als zöge draußen vor der Kirche eine laut­stark auf­spie­lende „Ban­da“ vorüber.
Faz­it: Die anfängliche Skep­sis gegenüber dem Konzept dieser CD-Pro­duk­tion ver­schwindet ganz schnell und macht pur­er Hör­freude Platz.
Christoph Schulte im Walde