Messiaen, Olivier

Œuvres pour Orgue

Verlag/Label: 3 CDs, Caliope CAL 1527 (2016)
erschienen in: organ 2016/03 , Seite 56

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Im Gegen­satz zu manch anderem bedeu­ten­den Orgel­reper­toire kann die Auf­führung­sprax­is der Orgel­w­erke Olivi­er Mes­si­aens insofern auf einem ver­gle­ich­sweise hohen und objek­tivier­baren Authen­tiz­ität­sanspruch rekur­ri­eren, als etliche noch lebende bzw. erst kür­zlich ver­stor­bene Konz­er­tor­gan­istIn­nen von Rang (Almut Rößler †, Gerd Zach­er †, Hans-Ola Eric­s­son, Jen­nifer Bate u. a. m.) mit dem Komponis­ten selb­st an den Interpre­tationen sein­er Kom­po­si­tio­nen gear­beit­et haben. Dieser beson­dere Umstand wird zusät­zlich durch die Tat­sache begün­stigt, dass Mes­si­aen nach­weis­lich beson­ders zielo­ri­en­tiert an den auf­führung­sprak­tisch ein­schlägig rel­e­van­ten Para­me­tern Tem­po, Artiku­la­tion und Reg­istrierung gear­beit­et hat.
Der blinde, 1935 geborene franzö­sis­che Konz­er­tor­gan­ist und langjährige Pro­fes­sor für Kün­st­lerisches Orgel­spiel am Con­ser­va­toire Nation­al de Région de Rouen (Nor­mandie) Louis Thiry gehört zu den­jeni­gen Inter­pre­ten, die Mes­si­aen ganz beson­ders geschätzt hat – davon zeu­gen zahlre­iche Wid­mungen und schme­ichel­hafte Zitate des Kom­pon­is­ten. Die vor­liegende Auf­nahme ent­stand bere­its 1972, wird aber jet­zt in ein­er nach­bear­beit­eten und dig­i­tal remas­terten Fas­sung vom franzö­sis­chen Label Caliope als Box mit drei CDs wiederveröf­fentlicht.
Thiry inter­pretiert aus­gewählte Orgel­w­erke Mes­si­aens – L’Ascension, Les Corps glo­rieux“, La Nativ­ité du Seigneur, Messe de la Pen­tecôte, Livre d’orgue, Le ban­quet céleste und L’Apparition de l’Église Éter­nelle – an der großen Met­zler-Orgel der Kathe­drale St. Pierre in Genf (1965, IV/ 67). Lei­der sind die Infor­ma­tio­nen zur Orgel im Book­let eher knapp gehal­ten; wenig­stens die Wieder­gabe ein­er Dis­po­si­tion wäre hil­fre­ich gewe­sen – vor allem, da der Inter­pret sich an diesem „neok­las­sis­chen“ Instru­ment nicht immer akribisch an die Reg­istri­er­vorschriften des Kom­pon­is­ten hält. Obwohl Mes­si­aen in dieser Hin­sicht stets allein das klan­gliche Endergeb­nis im Fokus seines kün­st­lerischen Urteils hat­te (und nicht die sklavis­che Über­nahme von Reg­istri­er­vor­gaben eins zu eins), was wir etwa aus zahlre­ichen Äußerun­gen und Tex­ten Almut Rößlers wis­sen, die anlässlich der europäis­chen Erstauf­führung der Médi­ta­tions in Düs­sel­dorf ent­standen sind. Das Gen­fer Instru­ment besitzt reich­lich Klangfülle, Präsenz und Far­bigkeit, die Ton­tech­nik dieser älteren Auf­nah­men ist ganz aus­geze­ich­net.
Thiry präsen­tiert auf den CDs einen Quer­schnitt der Orgel­w­erke bis ca. 1950. Damit wird der Weg des Kom­pon­is­ten aus der har­monisch noch Debussy reflek­tieren­den Früh­phase hin zum atonalen Seri­al­is­mus (Livre d’orgue) aufgezeigt – einem Stil, den der Kom­pon­ist später als „Irrweg“ beze­ich­nen sollte. Beson­ders in den Werken der mit­tleren Schaf­fenspe­ri­ode (Messe de la Pen­tecôte und Livre d’orgue) überzeugt Thirys lupen­reine Inter­pre­ta­tion ohne falsche Manieris­men. Bei den Früh­w­erken wün­scht man sich etwas mehr Ruhe in den langsamen Sätzen, etwas mehr „schwärmerische“ Betra­ch­tung des Noten­textes. Dies bleiben allerd­ings mar­ginale Wün­sche des Rezensen­ten an eine nahezu per­fek­te Inter­pre­ta­tion eines ganz großen Inter­pre­ten auf einem her­vor­ra­gen­den Instru­ment. Diese Auf­nahme darf fra­g­los noch heute Ref­eren­zcharak­ter beanspruchen, zumal sie vom Kom­pon­is­ten selb­st gead­elt und (zu Recht) bere­its mit dem „Grand Prix du Disque“ aus­geze­ich­net wurde.
Fast möchte man vergessen (das Book­let ver­schweigt auch dies), dass Louis Thiry sowohl auf­grund sein­er Blind­heit als auch ein­er Kriegsver­let­zung an der Hand wegen deut­lich gehand­i­capt ist. Dies abschließend nicht uner­wäh­nt zu lassen, hebt die Auf­nahme auf einen ganz beson­deren Ehren­platz in der Rei­he der bedeu­ten­den Mes­si­aen-Ein­spielun­gen. Wäre da nicht am Ende das für organophile Ansprüche allzu magere Book­let, ver­di­ente diese erfreuliche Re-Edi­tion seit­ens der Kri­tik auch heute die höch­ste Wer­tung.   

Jörg Abbing