Iranyi, Gabriel (*1946)

„Ich schau empor nach jenen Bergen …“

Reflexionen zum 121. Psalm for violin and organ (2005)

Verlag/Label: Verlag Neue Musik, NM 2327
erschienen in: organ 2016/02 , Seite 63

Die Vio­line fragt ein­dringlich in großen, sprung­haften Inter­vallen: „Woher kommt mir Hil­fe?“ – Dies der wohlver­traute Beginn des 121. Psalms. Hil­fe kommt vom Her­rn, „der Him­mel und Erde gemacht hat“ – Gabriel Iranyi, rumänisch-ungarisch-jüdis­ch­er Herkun­ft und 1946 in Rumänien geboren, seit 1988 als freis­chaf­fend­er Kom­pon­ist in Berlin lebend, reflek­tiert diese alttes­ta­mentlichen Trost­verse in sei­ner Kom­po­si­tion für Vio­line und Orgel, die bere­its 2005 uraufge­führt wurde. Jet­zt liegen diese „Reflex­io­nen“ auch gedruckt vor: Noten, die eine rasche Ver­bre­itung ver­di­ent haben.
Denn Iranyi ent­fal­tet in sein­er Musik eine enorme Fülle an Aus­druck­snu­an­cen, die sich dem Hör­er unmit­tel­bar sinnlich-erfahrbar erschließen. Dabei „hangelt“ sich der Kom­pon­ist nicht chro­nol­o­gisch Vers für Vers durch den Psalm-Text, son­dern ver­mit­telt gezielt Stim­mungen: „Er, der dich behütet, schläft nicht“ – „der Herr gibt dir Schat­ten …“ Sprechende Gesten bes­tim­men mithin Iranyis Musik, gern nutzt er die eher dun­kle Seite der Vio­line, die oft zweis­tim­mig geführt wird und Spiel­tech­niken wie pizzi­ca­to, sul pon­ti­cel­lo, al tal­lone erfordert. Die Orgel fungiert stets als inspiri­eren­der und kom­mu­nika­tiv­er Part­ner, bleibt, was das klan­gliche Geschehen bet­rifft, im Wesentlichen im Hin­ter­grund, liefert der Vio­line mit arpeg­gio­haft sich auf­bauen­den Clus­tern immer wieder klan­gliche Fun­da­mente.
Spiel­tech­nisch stellen die rund acht­minüti­gen Psalm-Reflex­io­nen nie­man­den, der auf der Geige bzw. der Orgel einiger­maßen ver­siert ist, und dem Neue Musik nicht gän­zlich fern ist, vor unüber­wind­bare Hür­den. Auch muss es für eine gültige Inter­pre­ta­tion hier sicher­lich keine Riesen-Orgel sein, die Darstel­lung dürfte auch auf kleineren bis mit­tel­großen, gle­ich­wohl far­ben­re­ich disponierten Instru­menten adäquat gelin­gen.
Im näch­sten Jahr wird dieses Werk zusam­men mit weit­eren Kom­po­si­tio­nen Iranyis auf ein­er CD-Pro­duk­tion des Deutsch­land­funks her­aus­ge­bracht. Unbe­d­ingt hören!

Christoph Schulte im Walde