Sigfrid Karg-Elert

Romantische Tonstücke für das Saugwind-Harmonium

Richard Wagner: Vorspiel zur Oper Lohengrin, bearb. von Sigfried Karg-Elert. Jan Hennig, Harmonium (Mannborg Stil 17, 1911)

Verlag/Label: Ambiente, ACD-3074 (2026)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2026/03 , Seite 61

Neben Max Reger ist Sigfrid Karg-Elert (1877–1933) sicherlich der bedeutendste deutsche Orgelmusik-Komponist des frühen 20. Jahrhunderts. Was heute gerne vergessen wird: Fast noch wichtiger war er als Schöpfer und Interpret von Werken für das Harmonium. Dieses erlebte seine Blütezeit zwischen ca. 1850 und 1930 und eroberte als kostengünstiger Ersatz für Pfeifenorgeln und als Hausinstrumente des bürgerlichen Milieus fast die ganze Welt.
Seine avanciertesten und vielleicht auch besten Harmoniumwerke schrieb Karg-Elert für das Kunstharmonium. Jan Hennig hat viele davon auf seinen drei ebenfalls bei Ambiente erschienenen CDs eingespielt (ACD-3030, -3041 und -3049). Nun hat Hennig sich das technisch einfachere Saugwindharmonium vorgenommen. Der Ton gilt beim Saugwindharmonium als intimer und milder als der beim Druckwindharmonium.
Wer glauben sollte, er werde beim Anhören dieser CD akustisch in eine zugige Friedhofskapelle versetzt, in der so ein wurmstichiges „Möbel“ asthmatische Töne von sich gibt, täuscht sich gewaltig. Obwohl das hier von Jan Hennig gespielte, 1911 von der Leipziger Firma Mannborg gebaute Saugwind-Modell „Stil 17“ naturgemäß nicht über die Register und Möglichkeiten eines Kunstharmoniums verfügt, klingt es doch himmlisch – wenn das Adjektiv gestattet ist.
Das gilt vor allem für die beiden späten Zyklen Sieben Idyllen für Harmonium, op. 104, und Sechs Romantische Stücke – Impressionen aus dem Riesengebirge, op. 103, aber auch schon für die Impressionen, op. 102, von denen leider nur zwei Stücke erklingen (alle ca. 1915). Das Wort „Impressionen“ aus den Opera 102 und 103 darf man getrost im Sinne der Malerei verstehen, denn es handelt sich tatsächlich um tönende Meisterwerke des musikalischen Impressionismus. „Diese Zyklen sind mit ihrer Verinnerlichung charakteristisch für Karg-Elert“, sagte mir Jan Hennig am Telefon. „Der Komponist hat sich ganz in die für ihn neue Ästhetik der Saugluft-Instrumente hineingedacht, mit dem gleichen künstlerischen Anspruch wie an das Kunstharmonium. Diesen Anspruch können Saugluftharmoniums allerdings kaum erfüllen. Daher musste ich bei der Aufnahme einen Kompromiss finden: Das Instrument durfte nicht überfordert und der Komponist nicht enttäuscht werden.“ – Der „Kompromiss“ ist Hennig in beglückender Weise gelungen. Und das betrifft nicht nur die späten Zyklen, sondern auch schon die frühen Sechs Skizzen für Harmonium, op. 10 (ca. 1903).
Sigfried Karg-Elerts Bearbeitung des Lohengrin-Vorspiels kann zwar die Komplexität des Originals nicht in Gänze abbilden, klingt hier aber gleichwohl (fast) wie für das Harmonium geschaffen.
Diese tolle CD rückt ein „vergessenes“ Instrument in denkbar schönstes Licht.

Burkhard Schäfer

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