Carl Müllerhartung / Ludwig Neuhoff

Orgelsonaten

Wieland Hofmann an der Kuhn-Orgel in St. Martin, Nürnberg

Verlag/Label: ambitus Musikproduktion, amb 96991 (2025)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2026/03 , Seite 61

Nicht zuletzt dank des Pianisten Oliver Triendl rücken Werke von Liszt-Schülern wieder in den Fokus der (diskografischen) Aufmerksamkeit, die ohne die unermüdlichen Ausgrabungen dieses „Trüffelsuchers“ wohl noch lange verborgen geblieben wären. Die beim Label Capriccio erscheinende Reihe The pupils of Franz Liszt bringt (Klavier-)Musik von Komponisten wie Hans Bronsart von Schellendorf (1830–1913), Conrad Ansorge (1862–1930), Emil von Sauer (1862–1942) oder Max Meyer-Olbersleben (1850–1927) zu Gehör. Das vorliegende Album leistet ähnliche Pionier-Arbeit für vergessene Orgelmusik von Liszt-Schülern: An der Kuhn-Orgel der Kirche St. Martin in Nürnberg (1991, III/45) spielt Wieland Hofmann – seit 2001 Kantor an der Altstädter Dreifaltigkeitskirche Erlangen und Dekanatskantor für Gräfenberg – Orgelsonaten von Carl Müllerhartung (1834–1908) und Ludwig Neuhoff (1859–1909).
Letzteren kennt nicht einmal Wi­ki­pedia. Ludwig Neuhoff studierte in München u. a. bei Josef Rheinberger und Carl Reinecke, war also im strengen Sinn kein Liszt-Schüler. Gleichwohl ist seine hochvirtuose und äußerst effektvolle Phantasie-Sonate in f-Moll, op. 21, eine direkte, dabei sehr eigenständige Antwort auf die berühmte Orgelsonate Der 94. Psalm des genialischen Liszt-Meisterschülers Julius Reubke und sie schließt, genau wie ihr Vorbild, mit einer imposanten Schlussfuge. Die frühere Sonate e-Moll, op. 11 ist traditioneller konzipiert und folgt in Aufbau und Struktur Neuhoffs oben genannten Lehrern. Dennoch handelt es sich auch schon hier um eine veritable Orgelsonate, die das Prädikat „Entdeckung“ mehr als verdient hat.
Auch die drei 1860 entstandenen Orgelsonaten (Nr. 1 in h-Moll über „Aus tiefer Not“, Nr. 2 in f-Moll über „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, und Nr. 3 in D-Dur über „Ein feste Burg ist unser Gott“) von Carl Müllerhartung sind eine echte (Wieder-)Entdeckung. Wieland Hofmann verriet mir, dass die Noten dieser Werke „verschollen“ gewesen seien, er den Bremer Verlag B-Note darauf „angesetzt“ habe, diese wieder verfügbar zu machen, was nach intensiven Recherchen gelungen sei. Nachdem Hofmann sie dann in seiner Erlanger Orgelreihe „Vergessene Klänge“ präsentiert ha­be, sei es sein Wunsch gewesen, sie auch auf einer CD zu dokumentieren.
Martin Weyer bezeichnet in seinem Buch Die deutsche Orgelsonate von Mendelssohn bis Reger (Regensburg 1969) die Werke als „epigonal“. Dies hält Hofmann für falsch, denn: „Die Sonaten sind motivisch und kontrapunktisch meisterhaft gearbeitet und sprechen eine einheitliche, von Mendelssohn weiter zu Liszt führende Sprache.“ Wie recht Hofmann damit hat, zeigt seine herrlich inspirierte – und inspirierende – Aufnahme dieser Sonaten, die laut Hofmann „überaus orgelgemäß“ konzipiert seien. Der warme, grundtönige und satte Klang der Kuhn-Orgel ist für die Darstellung dieser deutsch-romantischen Schätze wie geschaffen. – Eine ebenso wichtige wie schöne CD!

Burkhard Schäfer

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