Maurice Duruflé

Complete Organ Music

Roberto Marini an der Stahlhuth-Jann-Orgel von St. Martin in Dudelange, Luxemburg

Verlag/Label: Brilliant Classics 97665 (2025)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2026/03 , Seite 60

Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Maurice Duruflé (1902– 86) durch Roberto Marini weckt zunächst hohe Erwartungen: Mit der Wahl der Stahlhuth-Jann-Orgel in der Pfarrkirche St. Martin in Dudelange wurde ein Instrument ausgewählt, das aufgrund seiner mustergültigen Disposition, klanglichen Exzellenz und herausragenden Akustik zu den bevorzugten Aufnahmeorgeln zählt – beste Voraussetzungen für eine Referenz­einspielung.
Diesen Ansprüchen wird diese Produktion jedoch nur eingeschränkt gerecht. Bereits auf der Ebene des Orgelspiels zeigen sich Ungenauigkeiten, die auf eine problematische Einschätzung sowohl des Repertoires als auch der Aufführungstradition hindeuten. Ma­rini scheint den Notentext eher als interpretatorisches Angebot zu verstehen: Registrierungen werden mitunter ohne erkennbare Rückbindung an die intendierte klangliche Abstufung verändert (Prélude op. 7), metrische Nuancen als rubato ausgeweitet, was den musikalischen Fluss hemmt (Prélude op. 4).
Gerade im Fall Duruflés ist die Quellenlage hinsichtlich interpretatorischer Fragen durch Äußerungen seiner Schüler vergleichsweise gut dokumentiert. Diese legen nahe, dass freiere Rubati eher im Kontext romantischer Orgelmusik als in Duruflés eigenen Werken angemessen sind. Zwar ist eine bewusste Dis­tanzierung von der Interpretationshistorie legitim, sie darf jedoch nicht zu Lasten zentraler Werkintentionen gehen. So wird etwa der für die Préludes op. 4 und op. 7 konstitutive Perpetuum-mobile-Charakter der Triolenbewegung durch die gewählten Freiheiten spürbar beeinträchtigt. Diese Eingriffe wiegen umso schwerer, als Duruflés Musik wesentlich von der Balance zwischen linearer Führung und harmonischer Einbettung lebt. Anstatt musikalische Rhetorik zu stützen und Spannungsverläufe organisch zu gestalten, entsteht stellenweise der Eindruck interpretatorischer Beliebigkeit.
Auch die editorische Gestaltung des Booklets bleibt deutlich hinter der Norm zurück: Es ist lediglich in Englisch angelegt und weist sprachliche wie inhaltliche Mängel auf, die auf ein unzureichendes Lektorat schließen lassen. Gerade bei einer Gesamteinspielung wäre eine fundierte Kontextualisierung der Werke zu erwarten gewesen.
Positiv hervorzuheben ist hingegen die Aufnahmetechnik. Sie überzeugt durch Klarheit, räumliche Tiefe und eine ausgewogene klangliche Abbildung des Instruments. Die Registrierung lässt sich in ihrer Wirkung differenziert nachvollziehen, was zumindest die klangliche Seite der Interpretation transparent macht.
Insgesamt bleibt die Einspielung hinter den interpretatorischen Möglichkeiten von Maurice Duruflés Orgelwerk zurück. Trotz hoher Aufnahmequalität führen spieltechnische, stilistische und editorische Defizite zu einem unausgewogenen Gesamtbild. Für eine referenzbildende Gesamteinspielung ist dies letztlich zu wenig.

Jörg Abbing

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