Elsa Barraine

Musique rituelle

Lucile Dollat an der Grenzing-Orgel (IV/100) im Auditorium von Radio France, Paris; Florent Jodelet und François Vallet, Percussion

Verlag/Label: Tempéraments, TEM316076 (2025)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2026/02 , Seite 60

Hut ab vor Elsa Barraine! Die 1910 geborene und 1999 verstorbene Französin hat neben ihrer Karriere als Komponistin und Hochschullehrerin am Pariser Conservatoire ihre politischen Überzeugungen (an­ders als manche männlichen Kollegen) nicht vergessen: Sie musste als (Halb-) Jüdin rassistischen Anfeindungen widerstehen. Ihre Kompositionen zeichnen sich durch eine resistente Haltung gegenüber der post-seriellen französischen Kompositionsschule aus; dies erklärt ihre mangelnde Präsenz in der Neuen Musik, schadet der Qualität ihrer Kompositionen aber nicht.
Musique rituelle ist eine künstlerisch überzeugende Einspielung einiger Werke Barraines, die ihr Orgelschaffen ins verdiente Licht rückt: in den Korridor zwischen schwelgerischer Monumentalität und seriell- akustischer Abgeschiedenheit. Im Mittelpunkt steht das titelgebende Musique rituelle von 1967 – ein mächtiges Werk für Orgel und Schlagwerk, das Barraine selbst zu ihren bedeutendsten Schöpfungen zählte und das vom Tibetischen Totenbuch inspiriert ist.
Die Interpretation von Lucile Dollat gemeinsam mit den Schlagzeugern Florent Jodelet und François Vallet überzeugt von der ersten Minute an durch eine bemerkenswerte Balance aus Präzision und atmosphärischer Dichte. Gerade im großformatigen Titelwerk entfaltet sich ein faszinierender Klangkosmos: archaisch und modern zugleich, streng konstruiert und doch voller suggestiver Energie – abgenommen mit und von einer sorgfältig ausbalancierten Klangregie. Wer hinsichtlich der Orgelbehandlung den Impetus der école symphonique sucht, wird freilich enttäuscht sein. In der musikalischen Substanz zeigt sich die Komponistin als Praktikerin: Die Orgel wird den ästhetischen Ideen der programmatischen Logik unterstellt und präsentiert sich hier nicht in der klassischen Cavaillé-Coll-Aufstellung, sondern als Partnerin, ähnlich den Colloques von Jean Guillou. Die Musiker begegnen der anspruchsvollen Partitur mit technischer Souveränität und feinem Gespür für Barraines eigenwillige Klangsprache. Orgel und Schlagzeug im Dialog: Die perkussiven Impulse erscheinen niemals bloß effektvoll, sondern treten in einen spannungsreichen Diskurs mit der Orgel. So entstehen Klangräume von beinahe zeremonieller Intensität, in denen die Musik zwischen Kontemplation und eruptiver Expressivität oszilliert.
Die frühen Préludes et Fugues, geprägt von jüdischen Gesängen, zeigen eine andere Seite der Komponistin – kontrapunktisch geschärft und zugleich von großer melodischer Eindringlichkeit. Reflets magyars wiederum offenbart Barraines Sensibilität für folkloristische Anregungen und subtile Farbgebung, während Élévation als stiller, beinahe entrückter Ausklang wirkt. Das Programm zeichnet damit ein überzeugendes Panorama einer Komponistin, deren Werk noch immer viel zu selten zu hören ist.
Hervorzuheben ist die Aufnahmetechnik. Ihre Transparenz erlaubt es, selbst komplexe Schichtungen klar nachzuvollziehen; die räum­liche Präsenz der Orgel verbindet sich mit der Prägnanz des Schlagwerks zu einem natürlichen und detailreichen Gesamtbild. Nichts verschwimmt, nichts wirkt künstlich überhöht – vielmehr entsteht der Eindruck klanglicher Nähe.
Musique rituelle ist daher weit mehr als eine editorische Wiederentdeckung. Diese Aufnahme macht eindrucksvoll hörbar, welch originelle und ausdrucksstarke Stimme Elsa Barraine innerhalb der französischen Musik des 20. Jahrhunderts darstellt. Eine CD von hoher interpretatorischer Qualität und klanglicher Exzellenz – und ein starkes Plädoyer dafür, Barraines Musik dauerhaft im Repertoire zu verankern.

Jörg Abbing

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