Achim Runge
Endlich tief genug III
Neue Choralbearbeitungen für Orgel (manualiter und pedaliter) zu 24 tiefer transponierten Melodien des EG des GL
Die Frage nach der geeigneten Tonhöhe beim Begleiten des Gemeindegesangs muss gestellt werden. Sie gehört zu den unabdingbaren Aufgaben eines der Gemeinde zugewandten und verantwortungsvollen Kirchenmusikers. Andererseits muss der Satz „Man kann es nicht jedem [sic!] recht machen“ mental stets mitschwingen.
Die immer häufigere Entscheidung für eine tiefere Begleitung kann und darf nicht die Standardlösung sein. Sie ist allenfalls Ausdruck von feigen oder frustrierten Kirchenmusikern, die sich ihrer eigenen (hoffentlich) vorhandenen Argumente gegenüber unsicher sind und sich einer Diskussion, etwa mit musikalisch minderbegabten Pfarrern, entziehen wollen. Oder fehlt es ihnen an Kreativität und Einsatzfreude? Der Autor dieser Zeilen macht grundsätzlich vor jedem Gottesdienst ein Einsingen (meist) aller im Gottesdienst gesungenen Choräle. Keine chorische Stimmbildung, lediglich etwas körperliche Lockerung und ein Bekannt- und Vertrautmachen mit dem, was die Gemeinde später zum Lobe Gottes singt. Damit ist eines der Argumente von Achim Runge („Schon manches Morgenlied ist in der Tonart des EG für den sonntag-morgendlichen Kaltstart [sic!] der Stimmen nicht ganz unbedenklich.“ – Endlich tief genug, VS 3456) für eine tiefer transponierte Choralbegleitung entkräftet.
Die Diskussion über das Tiefertransponieren der Gemeindebegleitung kann und soll hier nicht aufgerollt werden. Allerdings weist das Vorwort dieser Publikation wohl als allererstes auf das künftige Evangelische Gesangbuch hin, das diese Technik der vermeintlichen Entlastung von Gesangsstimmen wohl recht breit auszuführen scheint. Dieses ist im Hinblick auf die Verantwortung der Kirchenmusiker gegenüber den Stimmen ihrer Sänger eine Fehlentscheidung.
Es mag Situationen geben, die eine Transposition der Melodie nach unten rechtfertigen, geradezu fordern. In VS 3456 erinnert Runge in diesem Zusammenhang: „Und dann sind da auch noch die Gottesdienste im Seniorenheim […] da sollten die Begleitenden die Tonhöhe flexibel handhaben können.“ Für diese Fälle ist Endlich tief genug III eine wahre Goldgrube – gerade für die nebenamtlichen Kollegen. Stärke dieser Vorspiele und Begleitsätze: „In besonderer Weise werden die beiden Klangbereiche der Orgel, Tenor und Bass, solistisch in den Vordergrund gerückt.“ Toll! Cantus firmi in Tenor und Bass sind gerade in spieltechnisch einfacheren Sätzen viel zu selten vorhanden, obwohl sie kompositorisch/satztechnisch keine allzu besonderen Raffinessen benötigen.
Die ausgewählten Choräle sind die Gottesdienstklassiker vergangener Jahrhunderte; ein einziges neueres Lied hat es in die Sammlung geschafft. So notwendig und richtig diese Auswahl einen Grundfundus zum Thema „tiefer transponiert“ liefert, so sehr beschleicht einen die Angst, wie das neue Evangelische Gesangbuch, das hier ja explizit als Referenz genannt wird, wohl aussehen mag.
Ralf-Thomas Lindner


