Chants sacrés
Geistliche Solomotetten französischer Meister des 19. und 20. Jahrhunderts für eine Singstimme und Orgel (Harmonium, Klavier), hg. von Helga Schauerte-Maubouet
Chants sacrés ist eine ebenso sorgfältig edierte wie in ihrem Repertoire bedeutsame Anthologie französischer geistlicher Solomotetten. Die von Helga Schauerte-Maubouet, profunde Kennerin der französischen Orgelmusik, herausgegebene Sammlung umfasst dreißig Werke – von Charles Gounod bis Jehan Alain – und erschließt damit ein Repertoire, das im deutschsprachigen Kirchenmusikleben bislang nur punktuell präsent ist. Stilistisch stehen die Stücke zwischen spätromantischer Diktion und modernistischen Tendenzen, die sich vorsichtig der freien Tonalität nähern.
Die chronologische Anordnung erlaubt es, Entwicklungslinien der französischen Solomotette zwischen Spätromantik und gemäßigter Moderne nachzuvollziehen. Neben bekannten Stücken wie César Francks Panis angelicus oder Gabriel Faurés O salutaris treten weniger geläufige und teilweise bislang unveröffentlichte Werke, darunter Vertonungen des Notre Père von André Caplet und Émile Goué. Gerade diese Verbindung von Bekanntem und Entdeckenswertem macht den besonderen Reiz des Bandes aus. Die Sammlung dokumentiert eindrucksvoll die stilistische Vielfalt französischer Sakralmusik, deren Tonsprache zwischen kantabler Schlichtheit, modal gefärbter Harmonik und subtiler Klangfarbigkeit oszilliert. Die Komponisten sind teilweise bereits im organistischen Solorepertoire bekannt, repräsentieren aber insgesamt eine stilistische Vielfalt im Spannungsfeld zwischen Spätromantik und Impressionismus.
Für die kirchenmusikalische Praxis erweist sich der Band als ausgesprochen wertvoll. Die Möglichkeit alternativer Begleitung durch Orgel, Harmonium oder Klavier erweitert den Einsatzbereich erheblich – von liturgischen Feiern über Andachten bis hin zum Konzert. Gerade kleinere Gemeinden oder Institutionen mit begrenzten instrumentalen Ressourcen dürften von dieser Flexibilität profitieren.
Wie bei Bärenreiter zu erwarten, überzeugt die Edition auch handwerklich. Der Notensatz präsentiert sich klar und übersichtlich, Umbrüche und Seitenaufteilung sind praxisgerecht, die editorischen Erläuterungen informativ, ohne unnötig auszuschweifen. Besonders hervorzuheben ist das Vorwort, das Interpretations- und Aufführungsfragen in konzentrierter Form behandelt und damit über bloße Werkkommentierung hinausweist.
Chants sacrés ist damit weit mehr als eine weitere Anthologie geistlicher Gesänge. Der Band verbindet editorische Qualität, musikhistorisches Bewusstsein und unmittelbare praktische Nutzbarkeit auf beispielhafte Weise. Für Sängerinnen und Sänger, Organistinnen und Organisten sowie für die kirchenmusikalische Praxis insgesamt stellt diese Edition eine außerordentlich willkommene Bereicherung dar – und zugleich eine Einladung, ein ebenso feinsinniges wie klanglich dankbares Repertoire neu oder wieder zu entdecken.
Jörg Abbing


