Michael Küstermann (Hg.)
Orgeln der Zukunft. Die Orgeln von St. Reinoldi in Dortmund
Mit Beiträgen von Jan Böcker, Hans Fidom, Thomas Lipski, Heike Proske, Christian Steinmeier, Barbara Welzer u. a.
Passend zum Titel nimmt die ausführliche Beschreibung der beiden von der Werkstätte für Orgelbau Mühleisen aus Leonberg 2020 und 2022 realisierten neuen Orgeln in der Dortmunder Hauptkirche ein erstes Hauptkapitel im Buch ein. Das fast zwei Jahrzehnte dauernde Ringen um eine zukunftsorientierte Lösung hat sich gelohnt: Die neu gestaltete Hauptorgel (IV/77) fügt sich mit ihren Lichtfugen vor dem nun zum Westfenster geöffneten Turmraum harmonisch in die gotische Architektur ein. Große Teile des solide gebauten Pfeifenwerks wurden aus der Walcker-Orgel von 1958 übernommen. Ergänzend wurde vorne im südlichen Seitenschiff eine Chororgel mit dezentem Flächenprospekt aufgehängt; ihre Pfeifenreihen auf Einzeltonladen sind mittels Extensionen in mehreren Tonlagen auf zwei Manualen und Pedal spielbar. Mit reichem Grund- und Obertonspektrum bei moderat ungleichstufigen Temperierungen sowie zahlreichen technischen Raffinessen bietet dieses großzügig besetzte, jedoch nicht übertrieben wirkende Ensemble alles, um sich als „Orgel der Zukunft“ zu behaupten; außerdem knüpft es in mehrfacher Hinsicht an Gestaltungselemente seiner Vorgänger an.
Bekanntlich war auch die monumentale Walcker-Orgel von 1909 ein wegweisendes Instrument. Weniger bekannt ist, dass dies bereits mit der Reinoldi-Orgel von 1805 beabsichtigt war, die von den Gebrüdern Trampeli aus Adorf in der Tradition Gottfried Silbermanns erbaut worden war. Wie es dazu kam, verrät der kurze Abriss zur Frühgeschichte der Reinoldi-Orgeln. Damit ist der größte Vorzug dieses umfangreichen und repräsentativ ausgestatteten Buchs angesprochen: In vielen authentischen Dokumenten vermittelt es eine Fülle hochinteressanter zeit- und musikgeschichtlicher Aspekte des 20. und begonnenen 21. Jahrhunderts – und dies meist kurzweilig. Einzelne Episoden sind auch punktuell lesbar und gut verständlich. Hervorzuheben ist ferner die üppige sowohl informative als auch ästhetisch ansprechende Illustration.
Trotz der insgesamt konsequenten Gliederung erfordert der gewichtige Band etwas Orientierung. Der Sinn der wechselnden Spaltenaufteilung erschließt sich nicht ganz. Einmal mehr sind Bildunterschriften und Anmerkungen so kontrastarm gesetzt, dass Eigennamen oder Seitenzahlen kaum zu entziffern sind. Mittels QR-Codes können geneigte Lesende historische und neue, professionell verfilmte Hörbeispiele sowie weitere vertiefende Dokumente abrufen – so sie gewollt sind, per Smartphone ins Internet zu wechseln, um womöglich nicht mehr zum Buch zurückzukehren. – Fluch und Segen der Digitalisierung: Was hat in der Zukunft länger Bestand – Dateiformate oder ein gedrucktes Werk mit physisch vorhandenem Tonträger?
Dennoch sei die Anschaffung dieser gelungenen Präsentation wärmstens empfohlen, zumal man in ihr immer wieder gerne blättert und Neues entdeckt. Vergessen Sie darüber aber nicht, die täglich geöffnete Reinoldikirche in Dortmund zu besuchen, den gotischen Altar zu bewundern sowie vor allem den vielfältigen musikalischen Darbietungen in Gottesdienst und Konzert zu lauschen!
Markus Zimmermann


