Werke von Max Reger, Philipp Maintz, Louis Vierne und Herbert Howells

Counterlight – Chorale Visions of Light and Darkness

Angela Metzger an der Eule-Orgel der Konstantinbasilika in Trier

Verlag/Label: Rondeau Production, ROP6285 (2025)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2026/01 , Seite 60

Licht als Thema eines Orgelalbums – das klingt im ersten Augenblick vielleicht trivial, ist es hier aber überhaupt nicht, zumal wir es mit einem ganz speziellen Licht, dem Gegenlicht, zu tun haben; bildende Künstler stellt es vor enorme Herausforderungen. Angela Metzgers Choral Visions of Light and Darkness setzen dabei weder auf das Gestaltungsmittel des Chiaroscuro (Begriff aus der Malerei), noch gehen sie den „ausgelatschten“ Weg „per aspera ad astra“ bzw. „ex tenebris in lucem“. Metzger stellt das Psalm Prelude Nr. 3 „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal“ aus Set 1, op. 32 von Herbert Howells buchstäblich ins Zentrum ihres Albums und gruppiert die übrigen sechs Werke spiegelsymmetrisch darum herum: von Max Reger (Beginn und Ende), Philipp Maintz (Jg. 1977, seine beiden Kompositionen erklingen an 2. und 6. Stelle) und Louis Vierne (Track 3 und 5). Alle diese Werke thematisieren das Licht auf eher subtile Weise: Sowohl im choralvorspiel XIX – wie schön leucht’ uns der morgenstern von Maintz als auch in Regers Fantasie op. 40 Nr. 1 über denselben Choral wird man nicht (mit Virtuosität) „geblendet“. Dasselbe gilt für Regers Dankpsalm op. 145 Nr. 2 sowie für Maintz’ choralvorspiel III „die nacht ist vorgedrungen“. Das einzige hell strahlende Werk der CD ist Viernes Hymne au soleil op. 53 Nr. 3; seine Feux follets op. 53, Nr. 4 geistern viel zwielichtiger über die Manuale und Pedale als die Hymne.
Die Werkabfolge und -dramaturgie ist klug gewählt und in sich stimmig – und sie verleiht dem Psalm von Howells tatsächlich besonderes Gewicht. Metzger gestaltet dieses Werk, wie alle anderen, mit ruhiger, souveräner Hand, fantastischen Registerfarben und den genau richtigen Tempi. Vor allem beeindruckt, wie sie es schafft, die Akustik und den langen Nachhall der riesigen Konstantinbasilika für ihre Zwecke zu nutzen. Es gelingt ihr, alle Stücke, auch Viernes toc­catahafte Hymne, vor allem aber die dichten Reger-Texturen, sich logisch entwickeln und wie einen leben­digen Organismus atmen zu lassen. Nichts wirkt überstürzt, gehetzt oder gar geschludert. Metzger ist eine Klang-Architektin, und dass sie ihr Fuß- und Handwerk versteht, hat sie auf ihrem letzten Album mit Orgelwerken von Betsy Jolas (NEOS, Besprechung in organ 4/2025) eindrücklich unter Beweis gestellt.
Positive Überraschungen sind ferner die beiden choralvorspiele des aus Aachen stammenden Philipp Maintz, die hier als Welterstein­spielungen erklingen. Im Booklet erfahren wir, dass Maintz seit 2017 nach dem Vorbild von Bachs Orgelbüchlein an einem Zyklus von Choralvorspielen arbeitet, zuerst für den liturgischen, dann auch für den konzertanten Gebrauch. Es sind meditative, sehr zurückhaltend, aber eindrücklich kolorierte Vorspiele, welche die Choralmelodien zwar meist fragmentiert, dennoch immer erkennbar durchscheinen lassen und die einen Ehrenplatz im The Orgelbüchlein Project (www.orgelbuechlein.co.uk) verdient hätten.
In „Kooperation“ mit der sinfonisch disponierten Eule-Orgel der Trierer Konstantinbasilika (87 Register) und der „gewaltigen“ Akus­tik der ursprünglichen römischen Palastaula gelingt Angela Metzger ein interpretatorisch und konzeptionell rundum überzeugendes Album.

Burkhard Schäfer

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