Pur ti miro
Wu Wei, Sheng; Martin Stegner, Viola; Janne Saksala, Kontrabass
Es gehört zu den glückseligen Momenten des Lebens, wenn man ein Musikstück, ein Instrument oder eine noch nie dagewesene Kombination von Instrumenten zum allerersten Mal hört. Der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich, wie er vor gut vierzig Jahren erstmals die 53-stimmige Missa Salisburgensis von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644– 1704) gehört hat und damals hätte schwören können: „Das ist neue (und er meinte wohl: moderne) Musik!“
Die Sheng, die auf der vorliegenden CD vorgestellt wird, ist ein traditionelles Instrument aus China, eines der ältesten Blasinstrumente der Welt. Sie gehört zur Familie der Mundorgeln, die wiederum zu den Durchschlagzungeninstrumenten gehört, und besteht aus Pfeifen, die zumeist aus Bambus gefertigt sind. Diese stehen in einer gewöhnlich aus Metall gefertigten Windkammer. Die traditionelle Stimmung ist diatonisch. Modernere Sheng-Instrumente verfügen auch über Metallpfeifen und können chromatisch gestimmt sein.
Es ist nicht zuletzt dem 1970 geborenen Wu Wei zu danken, dass die Sheng ihren Weg in die westliche (Musik-)Welt gefunden hat. Sein eigenes Instrument ist eine individuelle Weiterentwicklung der klassischen Sheng mit einer Klappenmechanik, die es ihm erlaubt, fast das gesamte westliche Tonsystem zu spielen. Neben der klassisch chinesischen Musik stehen improvisierte Musik, Neue Musik (u. a. mit knapp 300 Uraufführungen, die für ihn geschrieben worden sind – z. B. von John Cage, Enjott Schneider oder Klaus-Hinrich-Stahmer), Jazz und Weltmusik im Fokus seines Wirkens.
„Anfangs improvisierten wir viel, spielten ganz frei“, beschreibt der Viola-Spieler Martin Stegner seine erste musikalische Begegnung mit Wu Wei. „Dann reichte Wu Wei mir plötzlich ein Notenblatt: Monteverdis Si dolce è’l tormento.“ Für Stegner war es so etwas wie sein persönliches „Salisburgensis-Erlebnis“: „In diesem Moment öffnete sich für mich eine völlig neue Klangwelt. Alte Musik hatte ich noch nie so gehört: So farbenreich, so unmittelbar berührend.“
Im Kern der CD erklingen Bachs Orgel-Triosonate Nr. 1 Es-Dur BWV 525 und der Mittelsatz (Andante) der Orgel-Triosonate Nr. 4 e-Moll BWV 528 in einer einmaligen Besetzung für Sheng, Viola und Kontrabass. Hatte man zu Anfang der CD die Sheng in Monteverdis Si dolce è’l tormento in einem eher streichenden Klangbild gehört, zeigt sie gerade in den Trios eine feine Trompetenfacette, eine Oboencharakteristik – eigentlich die Farbigkeit und Wandlungsfähigkeit eines ganzen Blasorchesters, vereint in einem Instrument.
In diesem Jahr ist das zu den Harmonikainstrumenten gehörende Akkordeon das „Instrument des Jahres“. Die Sheng wiederum gilt quasi als Mutter aller Harmonikainstrumente. Gut, dass wir über diese CD diese Ur-Klangvariante des Akkordeons mit ihrem riesigen Schatz an Klangvariationen nun in unsere Hörerfahrung mit aufnehmen können – eine Klanglichkeit, die zeigt, dass die Musik alter wie neuer Zeiten und die handwerkliche Instrumentenherstellung noch lange nicht an ihren Grenzen angelangt sind!
Ralf-Thomas Lindner


