Johannes Matthias Michel
Jesaja (2024)
Vier Meditationen für Orgel
… Ebensolche Quint- und Quartharmonik ist konstitutiv für die Suite of Sunlight von Markus Epp. „Drei transformative Meditationen“ über „Licht und Dunkel, Werden, Vergehen und Neubeginn“ nennt der 1973 geborene Berliner Komponist und Organist seine über weite Strecken deskriptive, bildhaft wirkende Musik. So schlägt der erste Satz („Sunset“) einen Bogen von der gleißenden Mittagssonne über den Einbruch der Dämmerung bis hin zu sanften, aufsteigenden Flötentönen, die den schimmernden Mond beschreiben. Letzterer bekommt mit dem zweiten Satz sein eigenes Porträt („Clair de lune“). Kompositorische Mittel sind hier ausdrucksvolle Melodiebögen, unterlegt mit einer gleichbleibenden Achtel-Bewegung und unterbrochen von Arpeggien der Streicherschwebung („Celeste“). Wolken verschleiern das Mondlicht dank Zwei-gegen-Drei (Achteltriolen gegen durchlaufende Achtel), was immer ein zielführendes Rezept ist. Konsequent beginnt der dritte Satz („Sunrise“) ganz verhalten und unwirklich im Morgennebel. Hat dieser sich aufgelöst, kennt die Musik nur noch eine Richtung: die nach oben zum strahlenden Licht!
Alles in allem eine wirkungsvolle Reise zu Sonne, Mond – ohne Sterne. Spieltechnisch stellt Markus Epps Partitur durchaus Ansprüche, die aber nach einigem Üben (viel Lesearbeit wegen vieler Vorzeichen im laufenden Notentext) gut zu erfüllen sind. Kreativität ist angesagt bei der Realisierung auf der jeweils vorhandenen Orgel, wobei Epp selbst laut Vorwort das Klangideal der angloamerikanischen Orgelbautradition favorisiert, was seiner Musik durchaus gut bekommt. Registrierungsangaben sind eher spärlich, Hinweise zur Dynamik dagegen häufig. Wie man im Einzelfall registriert, das überlässt der Komponist offensichtlich vertrauensvoll der Fantasie der Interpreten.
Vergleichbare Kompetenzen traut auch Johannes Matthias Michel all denen zu, die sich seinem Jesaja widmen. Die vier Meditationen aus dem Jahr 2024 sind überschrieben mit Versen aus dem bekannten alttestamentlichen Buch, die heute liturgisch der Adventszeit zugeordnet sind: „Die Berge fallen dahin und die Täler werden erhöht“, „Im finstern Lande scheint es hell“, „Zerreißet die Himmel, ihr Wolken brecht auf“, „Seine Gerechtigkeit gehe auf und sein Heil brenne wie eine Fackel“ – starke, aufrüttelnd prophetische Worte, für die eine ebenso starke musikalische Szenerie geradezu geboten scheint. „Stolpernde“ Rhythmen markieren wankende Berge, eine hochliegende Solo-Flöte bringt Licht ins „finstre Land“, stets wechselnde Taktlängen (von 1/4-tel bis 7/8-tel) prägen die dritte Meditation über den zerrissenen Himmel und aufbrechende Wolken; schließlich lässt Johannes Matthias Michel die „Gerechtigkeit“ (Jes 62) aufgehen – nicht als einen erreichten Zustand, sondern als noch einzulösendes Versprechen! Musik mit einer klaren Botschaft also.
Michel, Hochschullehrer in Heidelberg und Mannheim, dortselbst Kirchenmusiker an der Christuskirche, ist ein überaus produktiver und kreativer Komponist mit Gespür für „sprechende“ Musik, die ihren geistlichen Inhalt ganz ohne vordergründige Effekte entfaltet. Die Jesaja-Meditationen sind gut spielbar und überall dort eine Bereicherung, wo es gezielt um die biblischen Texte geht.
Christoph Schulte im Walde


