Johann Sebastian Bach
Herr, unser Herrscher
Transkriptionen von 21 Chören, Arien und Chorälen aus Matthäus- und Johannes-Passion für Orgel solo, Band 2, hg. von Johannes Schröder
Es zeigt sich erneut mit dieser Edition, dass Johann Sebastian Bachs Musik universell einsetzbar ist und damit der Transkription keine Grenzen gesetzt sind, zumal der Meister selbst dieser Musizierpraxis keineswegs abstinent gegenüberstand.
Johannes Schröder widmet sich in der Fortsetzung seines ersten Bandes nochmals ausgewählten Titeln aus beiden Bachschen Passionen in einer Übertragung auf die Orgel – wahrlich eine sehr originelle, keineswegs leicht zu lösende Aufgabe: Denn sowohl der Orchestersatz als auch die vokalen Partien, seien es diverse Arien oder die groß angelegten Chorsätze, müssen in Einklang und in eine in sich stimmige und gut spielbare Version gebracht werden. Das durchweg überzeugende Ergebnis von Schröders Arrangements mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad erweitert das Repertoire und ermöglicht allen Spielerinnen und Spielern, diese Passionsmusiken nun auch im gottesdienstlichen Musizieren oder im Orgelkonzert zur Geltung zu bringen.
Die Ausgabe bietet einige Höhepunkte aus beiden Passionen, so neben dem Eingangs- und Schlusschor und zwei Turba-Chören aus der Johannes-Passion mehrere Arien aus beiden Passionen, darunter „Es ist vollbracht“ oder „Ich will dir mein Herze schenken“. Zahlreiche Choräle in obligater Satzweise runden die Edition perfekt ab.
Die Basis von Schröders Bearbeitungen bilden offensichtlich die autographen Quellen, aus denen er gewissenhaft die Bachschen Artikulationszeichen übernahm. Dann und wann von ihm hinzugefügte Phrasierungsbögen wären nicht vonnöten gewesen. Sie überfrachten nur den ansonsten sehr übersichtlich und gut lesbar gestalteten Notentext.
Für eine adäquate Aufführung der Arien und Chöre wird eine Orgel mit zwei oder drei Manualen benötigt, zumal sich aus den Arien sehr reizvolle Orgeltriosätze ergeben. Die Wiedergabe auf einer historischen Orgel ist sehr wohl möglich, da die geforderten Klaviaturumfänge nur in wenigen Passagen über c3 bzw. c1 hinausgehen. Angaben bzw. Vorschläge zur Verteilung der Manuale und einige dezente Registrierhinweise ergänzen den Notentext. Metronomzahlen und ein paar, nur zum Teil originale, Tempoangaben sind wohl Anregungen, denn die historische Aufführungspraxis ergibt sich aus dem Affekt der Stücke und den Taktarten.
Etwas überbordend wirkt der mit „Maestoso“ vom Herausgeber überschriebene Choralsatz „Christus, der uns selig macht“, denn Sopran- und Altstimme wurden um eine Oktave heraufgesetzt. Die damit angestrebte massive Wirkung kann man auch mit einer passenden Registrierung erreichen und vermeidet die stets etwas heiklen, sehr hohen Lagen der Orgel, zumal ein historisches Instrument damit überfordert wäre. Trotz dieser Marginalie kann man einmal mehr und in ganz anderem als dem bisher gewohnten Klang die zutiefst beeindruckende Passionsmusik Bachs mit dieser innovativen Edition entdecken und erleben.
Felix Friedrich


