Johannes Matthias Michel
Mein erster Ton heißt fis
Orgelschule für den Anfang
Johannes Matthias Michel – Organist, Komponist und Pädagoge, bekannt durch seine jazzig gefärbten Orgelstücke – legt hier eine Schule vor, die auf eine hochaktuelle Situation reagiert: Orgelunterricht für Anfängerinnen und Anfänger ohne vorausgehende Klavierausbildung, besonders für Kinder. Im Vorwort formuliert er sein zentrales Anliegen: das Pedal von Beginn an zu integrieren und Hemmungen gar nicht erst entstehen zu lassen.
Der Band gliedert sich in fünf Kapitel, die laut Vorwort parallel genutzt werden sollen: Grundlagenstücke, vierhändige Literatur, Improvisationsanregungen, Pedalübungen und -soli sowie Etüden und Fingerübungen. Die meisten Stücke stammen aus der Feder des Autors oder sind von ihm bearbeitet.
Besonders diskutabel ist Michels Entscheidung, mit einer Obertaste zu beginnen. Ergonomisch ist dies schlüssig begründet, auch die „Entmystifizierung“ der Vorzeichen ist ein sympathischer Gedanke. In der Praxis jedoch wirkt das frühe, dichte Auftreten von Vorzeichen – bereits im zweiten Stück stehen gis und as – auf Anfängerinnen und Anfänger visuell anspruchsvoll. Wie und wann systematisch Notenlesen aufgebaut werden soll, bleibt offen. Der Schwierigkeitsgrad steigt rasch: Schon ab Stück 15 verlässt man die Fünf-Finger-Lage, bald folgen Hilfslinien, dann wieder überraschend leichtere Sätze. Eine klar erkennbare Progression fehlt.
Inhaltlich zeigt sich der Band vielseitig: Übungsstücke mit humorvollen Titeln wechseln sich ab mit Chorälen, traditionellen Stücken, freien Charakterstücken und Bearbeitungen. Stilistisch reicht das Spektrum von Gospel, Dixie, Rock und Swing bis zu kleinen Präludien und barocken Anklängen. Bekannte Melodien wie Greensleeves oder Go down Moses begegnen Neukompositionen des Herausgebers. Der einheitliche Tonsatz verrät die Handschrift eines Komponisten, klassische Formen wie Fuge, Toccata oder Trio bleiben jedoch ausgespart.
Sehr gelungen ist das Improvisationskapitel mit unmittelbar umsetzbaren Ideen, die Kreativität fördern und durchaus auch für Aufführungen geeignet sind. Ein weiteres Plus ist das Kapitel zur vierhändigen Literatur: Der leichte Secondo-Part erlaubt es anderen Schülerinnen und Schülern mitzuspielen, viele Duostücke funktionieren auch solistisch und überzeugen mit klangvollen Motiven, reizvollen Taktwechseln und Anklängen an Bekanntes wie Griegs Morgenstimmung.
Das Layout ist praxisnah (Spiralbindung, meist ein Stück pro Seite), das Notenbild allerdings für Kinder eher klein und durchgängig in Schwarz-weiß. Einzelne Druckfehler, fragwürdige Reimtexte und teils unübersichtliche Notation durch viele Vorzeichen trüben den Gesamteindruck. Ein thematisch sortiertes Verzeichnis sowie methodische Hinweise zu Registrierung, Tempo, Haltung oder Übestrategien wären wünschenswert.
Fazit: Eine inspirierende, stilistisch breite Sammlung mit hörenswerten, klangschönen Stücken und eigenständigem pädagogischen Ansatz. Als umfassend strukturierte Orgelschule bleibt der Band hinter seinen Möglichkeiten zurück. In den Händen einer engagierten Lehrkraft jedoch bietet er reiches (Begleit-) Material und viele Momente echter Spielfreude.
Carolin Kaiser


