Michael Finnissy

Organ Works

Forrest Eimold u. a. an der Orgel der Blackburn Cathedral (UK)

Verlag/Label: 2 CDs, Métier (2025)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2025/04 , Seite 62

Beste Wertung: 5 von 5 Orgelpfeifen!

Diesem Doppelalbum mit Orgelmusik von Michael Finnissy (geb. 1946) habe ich mich nur sehr zögerlich, sogar mit leichtem Widerwillen angenähert. Musik eines britischen Gegenwartskomponisten, die als notorisch „schwierig“ gilt, weil ihr Schöpfer (wie Brian Ferneyhough, Richard Barrett, Chris Dench, James Dillon) der „New Complexity“ zugerechnet wird und die sich durch große Dichte und schnelle Abfolge klingender Ereignisse, komplizierte Rhythmik und ständige Verwandlung auszeichnet? Das klang für mich nach abstrakter, kalter Kopfarbeit: Komplexität um ihrer selbst willen, ohne Herz und Seele.
Doch ich wurde eines Besseren belehrt, und zwar gründlich. Tatsächlich ist diese Musik streckenweise „überkomplex“. Dies gilt vor allem für den Beginn der 2. Orgelsinfonie (2003–05), der wie eine Definition der oben genannten Parameter klingt und dem Ohr keine Chance gibt, das dichte Knäuel zu entwirren. Aber dieser quasi nach New-Complexity-Lehrbuch geschriebene Auftakt der „Zweiten“ bleibt eine Ausnahme, und der – in wirklich allen Belangen fantastisch spielende – Organist, Komponist und Keyboarder Forrest Eimold gewinnt auch (und gerade) solchen „Knäueln“ ihre klangsinnlichen Seiten ab.
Es hat mich überrascht, dass nicht nur Finnissys vier Orgelsinfonien, entstanden 2002–08, sondern auch den übrigen Werken – 7 Hymn-Tune Preludes (2021–22,) … ere the set of sun … (1965), Xunthaeresis (1967) und Blackburn (2022) – eine Art Konzept zugrunde liegt, das mitunter regelrecht programmatisch ist. Dies trifft vor allem auf Blackburn zu, ein Werk, das Finnissy eigens für die 1969 von J. W. Walker & Sons gebaute Orgel der Blackburn Cathedral in Blackburn, Lancashire, geschrieben hat und das sich auf die von der industriellen Revolution geprägte Geschichte der Stadt bezieht. Die monoton-repetitiven Geräusche der (Dampf-)Maschinen sind hier genauso vernehmbar wie Melodiefetzen aus Händels Joshua, einem Oratorium, das die Tradition des Chorgesangs in Städten wie Blackburn mitbegründet hat und mit der die Musik (vergeblich) versucht, eine ideale Gegenwelt zum Lärm der Maschinen zu beschwören.
Neben Blackburn erklingen auch die Orgelsinfonien 1, 2 und 4 auf der (2002 von der Firma Wood of Huddersfield revidierten) „J. W. Walker & Sons“ – und man kann die klanglichen Ergebnisse, die Eimolds dieser mit 68 Registern ausgestatteten Orgel entlockt, nicht anders als spektakulär nennen. Wenn Musik und Instrument je ideal zusammengepasst haben, dann hier. Zum akustischen Kulminationspunkt gerät der fff-notierte Mittelteil der 1. Sinfonie, wenn die Musik plötzlich laut, chromatisch und komplex wird. Man braucht diese Klangsprache nicht im Detail zu verstehen, um sich von der Wucht der (auch akustisch perfekt eingefangenen) Sounds überwältigen zu lassen. Vergleiche zur Komplexität und Wildheit Regerscher Orgelwerke drängen sich auf; Finnissys Musik lässt sich auf eine durchaus vergleichbare Weise goutieren.
Zu einem weiteren Highlight gerät die 4. Orgelsinfonie, die mit rund 33 Minuten das längste Werk des Albums ist. Sie nimmt ihren Ausgangspunkt bei Bach und entfernt sich dann in stockend-variierenden Verläufen auch hinsichtlich ihrer Diktion bis zum Geräuschhaften immer weiter von diesem Vorbild, ohne es dabei je zu verleugnen. Gegen Ende erreicht das Werk eine Dichte und Klangsättigung, die sowohl das Instrument als auch den Organisten, akustisch faszinierend, an ihre Grenzen führen.
Ein Wort noch zu den (nur scheinbar) einfachen 7 Hymn-Tune Preludes. Diese beziehen sich sowohl auf traditionelle lutherische Choräle als auch auf Melodien aus „Sacred Harp“-Liedern, die in den Südstaaten der USA bei Gottesdiensten gesungen werden. Eimolds spielte diesen Zyklus (sowie Xunthaeresis) auf der ganz anders, „kleiner“, grundtöniger und wärmer klingenden C. B. Fisk-Orgel, Opus 139 (54 Register, gebaut 2012) der Memorial Church of Harvard University, Cambridge, USA. Finnissys (auf Shakespeares Macbeth Bezug nehmendes) Frühwerk … ere the set of sun … erklingt auf der Skinner-Orgel, Opus 793 (44 Register, gebaut 1929), die sich in der Appelton Chapel der Memorial Church befindet. Auch diese Instrumente sind für die Werke wie geschaffen.
Fazit: Finnissys Orgelwerke bieten echte Hörabenteuer, auf die man sich einlassen muss, die aber jeder Mühe wert sind. Die Interpretationen und die Auswahl der Orgeln könnten besser nicht sein. Ein exzeptionelles Doppelalbum!

Burkhard Schäfer

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