Ernst Helmuth Flammer
Organ Works
Reimund Böhmig an Kirchenorgeln in Bonn, Bülitz und Clenz
Bewertung: 4 von 5 Orgelpfeifen
Eine CD mit Neuer Orgelmusik, muss das sein? – Die allermeisten Pfeifenorgeln stehen in Kirchen. Diese aber sind, nicht nur im musikalischen Kontext, neuen Ideen gegenüber nicht immer aufgeschlossen: Neue Musik muss man hier eher mit der Lupe suchen. 1961/62 setzten sich auf Einladung von Radio Bremen György Ligeti, Mauricio Kagel und Bengt Hambraeus in größtmöglicher Neugier, Offenheit und vorurteilsfrei mit dem Instrument Orgel auseinander: Halbgezogene Register, Winddruckverminderungen, festgeklemmte Tasten und ungewöhnliche Registrierungen waren nur ein Teil des Ergebnisses.
Einzelne Organisten wie Karl-Erik Welin, Gerd Zacher, Zsigmond Szathmáry, Reimund Böhmig setzten sich für die Neue Orgelmusik in der Kirche ein. Es entstanden einzelne Zentren, die die Neue Musik in der Kirche pflegten und vorantrieben. Die meisten Komponisten von Neuer Orgelmusik haben nur singuläre Werke für dieses Instrument geschrieben. In Frankreich waren durch Olivier Messiaen einerseits und durch eine rationalere, ja säkularere Beziehung zum Glauben andererseits die Möglichkeiten für Neue Orgelmusik insgesamt besser.
Für den 1949 geborenen Ernst Helmuth Flammer war schon mit fünf Jahren „das Hören von Olivier Messiaens Musik ein sehr prägendes Momentum für mein späteres Leben“. Der Wunschberuf Kirchenmusiker blieb ihm allerdings verwehrt. „Ein Ausweg aus dieser Krise schien das Komponieren für Orgel zu sein.“ Ein umfangreiches Œuvre für Orgel ist das Produkt dieser Erkenntnis. Flammers ästhetisches Denken basiert auf einer rationalen, aufklärerischen Haltung. Sein „Zugang zur Orgel ist ähnlich dem Messiaens sowohl technisch als auch von starker emotionaler Prägung bestimmt. Der technische Zugriff basiert auf einer Analyse der reichen Klangfarbenpalette dieses wunderbaren Instruments und einer ganz unbewusst entwickelten wie sehr persönlichen Hermeneutik der Farben, die sich kompositorisch in Form spezifischer Registerkombinationen wiederfinden. Wie bei Messiaen stehen zudem spezifische Melodie-, Akkord- und Strukturkonfigurationen für entsprechende semantische Bezüge.“ So steht Flammer sowohl in der deutschen als auch der französischen Tradition der Neuen Orgelmusik.
Auf dieser CD spielt Reimund Böhmig, den Flammer den „Magier der Klangfarben unter den Organisten“ nennt, vier Werke: Continuum (2019), Farben des Lichts (1978/ 80), … aus dem Verborgenen auferstanden (2023) und … aber es fehlt ihnen der Glaube (1985). Für den klassischen Kirchenbesucher mögen die flirrenden Klänge, die extremen Lagen der Klänge, die häufigen Registerwechsel, das oft nicht greifbare Grundmetrum, gar die persönlichen Assoziationen, die sich beim Hören einstellen, gewöhnungsbedürftig sein. Genau solche Klänge aber braucht die Kirche, der Gottesdienst auch: Sie sind es, die die Weite göttlicher Schöpfung offenbaren und förmlich nach einer theologischen Auslegung schreien. Deshalb braucht man die Neue Orgelmusik, Flammer und diese CD!
Ralf-Thomas Lindner


