Betsy Jolas

Works for Organ

Angela Metzger, Orgel; WDR Sinfonieorchester, Titus Engel

Verlag/Label: NEOS 12531 (2025)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2025/04 , Seite 61

Beste Wertung: 5 von 5 Orgelpfeifen!

Trommeln rasseln wie zum Appell. Doch statt uniformiert in Reih und Glied anzutreten, wirbeln unterschiedliche Gestalten durcheinander: das Schlagzeug rasselt und trommelt, das Klavier perlt, die Harfe träumt, tiefe Streicher huschen, Bläser hetzen und die solistisch dominierende Orgel wirft ständig neue Fragmente in den Ring, splitternde Figuren, gleißende Cluster, zartes Säuseln, zuckende Kaskaden kreuz und quer durch alle Lagen und Register. Ohne erkennbare Koordination schleudern sich Orgel und Kammerorchester Klangbro­cken an den Kopf, heterogen, chaotisch, anarchisch – anders gesagt: frei! Diese Musik ist nicht an Linearität, Stringenz, Konsequenz und Systemzwänge gebunden.
Betsy Jolas wurde 1926 in Paris geboren und studierte am dortigen Conservatoire bei Darius Milhaud, Simone Plé-Caussade und Olivier Messiaen. Hier unterrichtete sie dann auch selbst als Professorin für Musikanalyse und Komposition. Die nun bald hundertjährige französisch-amerikanische Komponistin ist in Frankreich, Großbritannien, den USA und den Niederlanden mit Aufführungen bei großen Musik­festivals präsent. Im deutschsprachigen Raum blieb sie trotz Einsatz von Dirigenten wie Simon Rattle oder Andris Nelsons bislang eher unbekannt.
Dabei lassen ihre vier Werke für Orgel, die auf dieser CD in (Erst-) Einspielungen erscheinen, allesamt eine eigene kompositorische Vorstellungskraft erkennen. In der Mu­sique d’Hiver (1971) bilden Orgel und Kammerorchester erst kurz vor Ende eine Ton für Ton abwechselnd gespielte Tonfolge als Gegenpol zum prismatisch zersplitterten Beginn.
Von einem einzelnen Anfangston zu immer mehr Tönen samt variierter Spielweise, Dynamik, Lage und Farbe entfaltet sich das Orgelstück Musique de Jour (1975). Indem die Komponistin nach und nach die Möglichkeiten des Instruments ausspielt, zeichnet sie zugleich auf programmatischer Ebene ein Tableau der am Morgen zu neuer Betriebsamkeit erwachenden französischen Hauptstadt, die rennt, pulsiert, flimmert, brummt, brüllt, und am Ende wie alle Manuale, Laden, Registerzüge und Pfeifen des mechanischen Apparats wieder in dumpfes Schnarchen versinkt. Versprengte Traumfetzen und erste Gedanken beim Erwachen huschen auch durch die gut dreißig Jahre später entstandenen Leçons du Petit Jour (2007).
Ähnlich dem ersten Stück der CD kombinieren an letzter Stelle die Trois Études Campanaires (1980) Orgel und Schlagzeug. Doch werden Celesta, Vibra- und Marimbaphon hier von der Organistin selbst auf den speziellen Perkussionsre­gistern der Mühleisen-Orgel in St. Antonius in Düsseldorf-Oberkassel gespielt.
Betsy Jolas’ Orgelmusik findet in Angela Metzger eine kongeniale Interpretin. Die 1986 geborene ehemalige Schülerin von Edgar Krapp und Bernhard Haas an der Hochschule München macht die Impulsivität, Variabilität und Freiheit dieser Musik mit ebenso präziser wie pointiert sprechender Gestik erfahrbar. Die Aufnahmetechnik gibt Metzgers brillantes Spiel sowie Instrument und Raumcharakteristik plastisch wieder.

Rainer Nonnenmann

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