Franz Liszt | Richard Wagner
Lamento e Trionfo
Stéphane Mottoul an der Geissler/Haas/Goll/Kuhn-Orgel der Hofkirche St. Leodegar in Luzern, Schweiz
Bewertung: 4 von 5 Orgelpfeifen
Die drei großen Liszt-Werke Ad nos, „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ und B.A.C.H. auf einer CD einzuspielen, ist schon eine Hausmarke! Seit 2021 ist der Belgier Stéphane Mottoul Hofkirchenorganist. Seine erste CD an der weltberühmten Geissler/Haas/Goll/Kuhn-Orgel in St. Leodegar (V/83) ist dem ungarischen Tastenvirtuosen gewidmet – eine treffsichere Wahl für ein Debüt-Album an dieser Orgel!
Mottouls Interpretation lässt auch nichts zu wünschen übrig. Die fantastische Orgel samt Fern- und Echowerk bietet dem Organisten eine reiche Grundlage, seine hohe Virtuosität und sein Orgel- wie Geschichtsverständnis zu zeigen. Erstaunlich, wie deutlich die Aufnahme (Aufnahmetechnik: Christoph Martin Frommen) alles wiedergibt: Kein Ton, auch keiner im Fernwerk, geht da verloren oder wird im Nachhall verwischt. Doch fragt sich der Rezensent, ob nicht die damalige Haas-Orgel (1862, IV/70) noch reinere romantische Mystik geliefert hätte. An den Übergang zur zweiten CD mit Werken Wagners setzt Mottoul passgenau Liszts nur wenig inspirierende frömmelnde Klavierkomposition Am Grabe Richard Wagners in einer eigenen Orgelbearbeitung.
Die Transkriptionen von Richard Wagner, u. a. Vorspiel zu den Meistersingern, Parsifal, Tristan und Isolde und zum Fliegenden Holländer, zum Teil von Lemare, zum Teil von Mottoul selbst geschrieben, bilden ein regelrechtes Kontrastprogramm. Das ist natürlich alles herausragende Musik, fällt aber gegen Liszt deutlich ab, sind es doch keine Originalkompositionen für Orgel – Wagner war ja auch kein Tastenvirtuose. Wagners sagenverhaftete Mystik ist heute nur noch zeitbedingt zu verstehen, seine Stellungnahme gegen Mendelssohn ein böser Akt des Antisemitismus. Dennoch ist es ganz große Musik, vor allem harmonisch ein Erlebnis, für viele eine Offenbarung, aber eben in sich selbst gefangen. So ganz kann Wagner als Seelenkäufer in den Orgelbearbeitungen nicht überzeugen, so wie ein Klavierauszug es eben auch nicht kann. Immerhin kann Mottouls Orgelsicht da aber einiges retten, Isoldes Liebestod z. B. lässt zwar auf sich warten, rührt aber nach wie vor auch verstockte Herzen.
Das gut bebilderte Booklet (englisch / deutsch) bringt sehr instruierende Aufsätze von Franziska Gallusser; die angegebene Disposition verschweigt leider die Erbauer der einzelnen Register.
Rainer Goede


