Wolfgang Schulz-Pagel
Brief an Maria
für Orgel
Ein Brief – auf der Orgel geschrieben? Hier sind wir weit von den gängigen Gattungen entfernt, die je für die Orgel geschrieben worden sind. Ist „Brief“ vielleicht einfach nur ein Synonym für „Botschaft“ oder „Nachricht“? – Die Ausgabe selbst ist bei allen diesen Fragen wenig hilfreich: ungewohnt schmallippig und uninformativ, kein Lebenslauf des Komponisten, keinerlei Kommentare zur Musik – ganz untypisch für den Strube-Verlag. Einzig ein Zitat von Leonard Bernstein ist auf dem Innentitel der Ausgabe wiedergegeben: „Musik kann das Unbestimmbare bestimmen und das Unkommunizierbare kommunizieren.“ Kryptisch!
Ist der Name „Maria“ vielleicht ein Fingerzeig? Auch über sie erfahren wir nichts! Ist es die Maria, die Mutter Jesu, die uns als Heilige so oft als Mittlerin zu Gott („Heilige Mutter Maria, bitte für uns“) zur Seite steht? Oder ist es eine ganz andere Maria, und wo wohnt sie? Und: Wer schreibt ihr da? Was für eine Botschaft wird in dem Brief wohl stehen?
Der Brief an Maria selbst ist dreiteilig – folgt er damit der „klassischen“ Form eines Briefes: Anrede, Text, Schlussformel? Eher nicht – denn der erste und der letzte Teil sind lang, viel zu lang für Grußformeln (es sei denn, man wolle jemanden mit seinem vollen [!] Titel anreden, etwa Allah mit seinen 99 Namen). Der Mittelteil ist sehr kurz und stilistisch frohgemuter als die Ecksätze. Anlehnungen an marianische Themen scheint es nicht zu geben.
Ich frage den Komponisten selbst, bekomme umgehend Antwort: Briefe schreiben kann er! Er stellt dieselben Fragen wie ich und beantwortet sie – nicht: „Der Titel des Stückes und das Fehlen jeglicher Erläuterungen gehören zusammen.“ Auch er denkt über Konnotationen zum Namen Maria nach – und erklärt nichts, fragt, ob das ein „attention grabber“ oder eine Provokation ist. Er erwähnt die Dramatik der Ecksätze und fragt nach, was wohl passiert sein mag (ein Unglück?), und sucht nach einem „geheimen Text“, findet Liedhaftes sowie die Versöhnlichkeit und Einfachheit des zweiten Teils (Gute Neuigkeiten?). Ein Hauch Programmmusik?
Schulz-Pagel will die Fantasie des Zuhörers anregen und herausfordern. Der Brief endet „wild“ nach einem kurzen Walzer-Einschub. „Hat er sie verloren? Läuft sie vor ihm weg? Oder folgen wir in Wahrheit da jemandem, der einer guten Freundin von seinen Ängsten erzählt in diesen Zeiten der Verunsicherung, von Gewalt, Hass und Terror – und der Orgel und Kirche als Safe Place nutzt?“
„Alles ist auf jeden Fall sehr unbestimmt, nur emotional zu deuten, und das ist auch durchaus beabsichtigt“, so Pagel. Am Ende hofft er, „verstanden“ zu werden. Nur eine Tatsache kann man ihm entlocken: „Maria gibt es übrigens wirklich. Ihr ist das Stück gewidmet.“ – Drei harmonisch brave und durchgängig manualiter (Ped ad. lib.) gehaltene Sätze, deren Schwierigkeitsgrad relativ einfach ist. Ein Werk, das so viele Geheimnisse in sich birgt, gibt auch viel Freiraum, kann leicht an unterschiedlichen Stellen mit Gewinn eingesetzt werden. Das sollte man auch tun – selbst wenn der Adressat vielleicht Susanne oder Peter heißen mag.
Ralf-Thomas Lindner


