Thomas Jörg Frank
Lockdown-Toccata für Orgel
… Eine zweite neue Ausgabe im Schott-Verlag zeigt, wie wichtig kleine Buchstaben sind. Die Bibel (Matt. 5,18) weist ja bereits darauf hin: „Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht ein Jota, nicht ein Tüpfelchen vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist.“ Das Jota ist der „kleinste Buchstabe“ des griechischen Alphabets, er steht hier für die kleinste Kleinigkeit. Das „c“ ist im lateinischen Alphabet nun nicht der „kleinste Buchstabe“ – aber es ist von großer Bedeutung, macht es doch den Unterschied zwischen César Franck und Thomas Jörg Frank mit seiner Lockdown-Toccata.
Beide Komponisten stehen hier in französisch-romantischer Tradition. Während César Franck mitten in Paris lebte und seit 1859 Titularorganist an Sainte-Clotilde war, betrachtet Thomas Jörg Frank die französische Tradition eher aus wissenschaftlicher und deutscher Sicht. Seit 2010 ist er als Kirchenmusiker an der Marktkirche Wiesbaden tätig und hat dort eine große Walcker/ Sauer/Oberlinger-Orgel mit 85 Registern zur Verfügung. Während L’Organiste Produkt eines Kompositionsprozesses ist, steht die Lockdown-Toccata eher in einer improvisatorischen Tradition. – Was darf man von einer Lockdown-Toccata erwarten? Endlich eine Komposition, die sich dem Thema „Lockdown“ musikalisch nähert? Mitnichten – im Vorwort liest man: „Seine Komposition Lockdown-Toccata entstand zwischen 2020 und 2021.“ Während des Lockdowns gab es ja zwei große Gruppen von Musikern: die einen, die jammerten, nichts zu tun zu haben, und die anderen, die es genossen, endlich mal Zeit zum Üben und Komponieren zu haben. Mutmaßlich gehört Frank zu der zweiten Gruppe und erklärt damit – sehr unspektakulär und etwas einfallslos – den Namen seines Stücks.
Das Vorwort lehrt uns: „Das Stück basiert auf einem raffinierten rhythmischen Modell und beinhaltet im Mittelteil eine kurze Reminiszenz an die Toccata von Charles-Marie Widor.“ Tatsächlich ist Widors Toccata (Schlusssatz aus der Sinfonie für Orgel Nr. 5 in f-Moll, op. 42, Nr. 1) wohl der Hauptideengeber für diese Lockdown-Toccata, was die Faktur des Satzes ausmacht. Ob der Bassrhythmus (im Viervierteltakt, in Achteln gedacht) 3+2+2+1 wirklich „raffiniert“ ist, mag dahingestellt sein – vielleicht handelt es sich nur um ein besonders gut gewürztes Gericht.
In jedem Fall lohnt es sich wirklich, das mittelschwere Stück zu üben und – ähnlich dem Vorbild – für große Auszüge nach Festgottesdiensten oder im Konzert zu verwenden. Ein großer und halliger Kirchenraum wäre für eine effektvolle Wiedergabe zu wünschen!
Ralf-Thomas Lindner


